In der Volksbühne ist die Raucherwelt noch in OrdnungNeulich war ich das erste Mal in diesem Jahr in der Kantine der Volksbühne, ein schummriger Ort im Souterrain des Theaterbunkers am Rosa-Luxemburg-Platz. Und ich erkannte sie kaum wieder. Die Luft war klar, riesengroße Nichtraucherzeichen hingen an der Wand, die Raucher gingen brav im Innenhof beim Pförtner ihrem Laster nach. Leute, das war ein richtiger Kulturschock! Die Kantine der Volksbühne, ohne dass milchige Nebelschwaden Bier, Wein und lautstarke Gespräche umwehen; Castorfs Räuberhöhle befolgt brav das Nichtraucherschutz-Gesetz – wer hätte das gedacht? Es heißt, dass die Stimmung in der Volksbühne denkbar schlecht ist. Schlagartig war mir völlig klar, warum. Gestern nun nach der Premiere von „Film B“, der dramatisierten Fassung des gleichnamigen Romans von zitty-Autor Tobias Schwartz, komme ich wieder in die Kantine. Die Vorstellung von „Tod eines Praktikanten“ auf der Hauptbühne ist bereits vorbei. René Pollesch, seine Darstellerinnen, Techniker und Fans palavern beim Bier, ein DJ legt (zu laut) auf, die Nichtrauchen-Schilder hängen immer noch gut sichtbar an der Wand, riesengroß und rund – und völlig ignoriert. Alles qualmt. Sogleich steckt sich die Kollegin Elisabeth Wellershaus eine Zigarette an, obwohl sie eigentlich mit dem Rauchen aufgehört hat. Man muss das verstehen, im Banne dieser altvertrauten Atmosphäre bricht sich die Gewohnheit sofort Bahn. Die Kollegin Christiane Kühl besorgt sich gleich mal Zigaretten und kommt zurück mit der Nachricht, dass hier tatsächlich noch ein Exemplar der Automatengattung überlebt hat, das ohne Eingabe von Kreditkarte, Altersnachweis und Tauglichkeitszeugnis funktioniert. In der Volksbühne ist die Raucherwelt noch in Ordnung. Aber ja, ich bin Nichtraucher. Und nein, ich schreib das hier nicht, um irgendjemanden anzuschwärzen. Ich sehe das als Service, als Warnung für die einen und als Empfehlung für die anderen. Denn ich halte es mit Karl Kraus: „Die bürgerliche Gesellschaft besteht aus zwei Arten von Menschen: Aus solchen, die sagen, irgendwo sei eine Lasterhöhle ausgehoben worden, und solchen, die bedauern, die Adresse zu spät erfahren zu haben.“ Sage also keiner, er hätte es nicht gewusst. Einen Kommentar schreiben
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